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Jenseits der Stille


1996, 112 mn

Regisseur:
Caroline Link

Musik:
Niki Reiser

Kamera:
Gernot Roll

Drehbuch:
Caroline Link
Beth Serlin
Darsteller:
Sybille Canonica
Emmanuelle Laborit
Howie Seago
Sylvie Testud
Tatjana Trieb


Laras Eltern sind taubstumm; das verändert die Verhältnisse von Macht und Verpflichtung in der Familie, denn das Mädchen muß früh die Rolle der Vermittlerin zur Außenwelt übernehmen und als "Übersetzerin" auftreten: am Telefon, im Gespräch der Eltern mit der Lehrerin oder bei Kreditverhandlungen in der Bank. Die Angst des Vaters vor dem Verlust der Tochter sitzt zwangsläufig tiefer als bei anderen. Wenn Lara nach dem Abitur den niederbayerischen Heimatort verläßt, um in Berlin zu studieren, so kann sie nicht frei sein von der Furcht, sich aus einer schwer lastenden Verantwortung davonzustehlen.

Am Entschluß Laras, Klarinette zu spielen und sich auf die Aufnahmeprüfung am Konservatorium vorzubereiten, ist ihre in Berlin lebende Tante maßgeblich beteiligt. Clarissa hat sich schon in der Kindheit nicht besonders gut mit ihrem Bruder - Laras Vater Martin - verstanden. Das macht den Abschied der Tochter für den taubstummen Mann noch schmerzhafter: er empfindet Laras Entschluß als Entscheidung für Clarissa und gegen ihn selbst, zumal ihm die Welt der Musik unzugänglich ist.

In Berlin wohnt Lara zunächst bei Clarissa und ihrem Ehemann Gregor. Als sie den Taubstummen-Lehrer Tom kennenlernt, verändert sich ihre Haltung zur eigenen Biographie; sie sieht ihre Kindheit nun weniger tragisch. Da kommt die Nachricht vom Unfalltod ihrer Mutter; Lara fühlt sich nun noch mehr verantwortlich für ihren Vater, doch der spricht ihr indirekt eine gewisse Schuld am Tod der Mutter zu. Nach einem heftigen Streit verläßt Lara das Haus ihres Vaters und kehrt nach Berlin zurück. Am Tag der Aufnahmeprüfung taucht unerwartet Laras Vater auf, um seine Tochter an diesem Tag zum ersten Mal auf einer Bühne spielen zu sehen.


JENSEITS DER STILLE sollte auf keinen Fall als bloßer Behindertenfilm mißverstanden werden - wenngleich die Regisseurin durchaus konsequent von der Welt der Gehörlosen erzählt. "Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen, einen Film machen über das Erwachsenwerden, darüber, wie schwer es ist, seinen eigenen Weg zuerst zu finden und ihn dann auch zu gehen. Natürlich wird diese Tatsache dramatisiert dadurch, daß zwischen Vater und Tochter eine gewisse Abhängigkeit besteht. Aber ich habe kein Mitleid empfunden mit Gehörlosen - nicht, wenn sie ihr Leben so leben können, wie sie es selbst für richtig halten. Leider ist das in Deutschland nicht selbstverständlich. An vielen Schulen ist bis heute die Gebärdensprache verboten. Diese Kinder wachsen in völliger Einsamkeit auf! In meinem Film wird dieses Problem thematisiert, es liegt mir auch sehr am Herzen. Allerdings war das nicht der einzige Grund, diese Geschichte zu erzählen." (Caroline Link)

Caroline Links Inszenierung zeigt sehr genau, was gegenwärtig im deutschen Kino möglich ist: das heißt, mehr thematische Vielfalt als es die zahlreichen Komödien vermuten lassen, aber vielleicht weniger ästhetische Radikalität, als man dieser Geschichte wünschen würde. Der Film läßt deutlich das Bemühen der Regisseurin erkennen, ihr Publikum nach der komplexen Geschichte nicht auch noch mit den Bildern zu fordern. Und doch liegt ein störender Glanz über ihnen, die Perfektion von Licht und Farbe verleiht dem Film eine gewisse Glätte, und einzelne Sequenzen - die nackte Tante beim Baden im Mondlicht zum Beispiel - verweisen auf die Anstrengung, die es bedeutet, auch an der Kinokasse Erfolg zu haben.

Vielleicht überzieht die 32-jährige Filmemacherin auch die melodramatischen Momente; vielleicht gehört der Unfalltod von Laras Mutter in die Kategorie "Wir verschärfen die Situation", wie sie Etüden-Seminare für Schauspieler und angehende Dramaturgen pflegen; vielleicht erinnern auch die ersten Berlin-Sequenzen zu deutlich an neckische Touristen-Filmchen aus der Hauptstadt. Und manchmal läßt die Regisseurin, offensichtlich aus Angst, mißverstanden zu werden, im Dialog noch ausformulieren, was der Zuschauer längst gesehen und begriffen hat. Solchen eher ein wenig biederen Sequenzen stehen andere, ernstere und eindringlichere gegenüber, etwa jene, in der Taubstumme in einer Kirche das Tedeum "singen" und sich dabei ausschließlich mit Gebärden ausdrücken können. Bewundernswert ist zudem das Vertrauen, das Caroline Link den Emotionen ihrer Geschichte entgegenbringt, ohne auch nur einen einzigen Moment über den Handicaps ihrer Figuren in Larmoyanz zu verfallen. Weil der Film zwar voller Mitgefühl steckt, aber nie zu Posen des Mitleids Zuflucht nimmt, behalten seine Personen ihre Würde und ihr gutes Recht auf böse Momente.

Das Vorhaben, fernab der erfolgreichen Komödien ein größeres Publikum zu erreichen, ist der Regisseurin durchaus geglückt: JENSEITS DER STILLE war zwar nicht der "Megahit" des Kinowinters 1996/97, fand aber dennoch bei den Zuschauern wie bei der Kritik große Beachtung: "Klug und sensibel, unterstützt von hinreißenden Darstellern, erzählt Caroline Link von einem hochbegabten Mädchen, das die Berufung zur Musik gegen die taubstummen Eltern durchsetzen mußte. In dieser bewegenden Geschichte scheint alles zu stimmen, sogar die Musik, und die Regisseurin zeigt nicht die geringste Scheu vor Sentiment und Emotionen; ohne feuchte Augen wird kein Zuschauer das Kino verlassen." (Süddeutsche Zeitung) Im Herbst 1997 wurde der Film als deutscher Beitrag ins Rennen um den Oscar nach Hollywood gemeldet.

Hans Günther Pflaum (inter nationes)



"Für einen Moment ein Fenster aufgestoßen zu haben in eine fremde, faszinierende Welt: das ist für mich Kino", sagt die 32-jährige Regisseurin. Genau dies ist ihr mit Jenseits der Stille gelungen. In eindrucksvollen Bildern werden, ohne Kitsch und Klischees, tiefe Emotionen vermittelt."
(Antje Kroll, epd Film 1/ 97)

"Ein stiller Film mit Beobachtungen, Gesten, Blicken aus dem alltäglichen Leben. Voller Humor und Situationskomik schildert er anhand einer eher ungewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung ... den Prozess der Selbstfindung und des Erwachsenwerdens. Jenseits der Stille ist kein Problemfilm über die Welt der Taubstummen, aber er bringt uns diese Welt näher, weckt Verständnis, allein schon durch die beredte Sprache der Hände, der im Kino zuzusehen eine wahre Freude ist."
(Holger Twele, KJK 69/ 97)


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